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Johann Sebastian Bachs Präludium in C-Dur BWV 846 – Harmonien einfach erklärt – Teil 4

Bachs-Harmonien-4
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Wir beenden unsere Analysereihe Johann Sebastian Bachs Präludium in C-Dur BWV 846 – Harmonien einfach erklärt mit dem vierten und letzten Teil. Alles begann mit einer simplen C-Dur-Kadenz im ersten Teil, während wir in Folge 2 der Doppeldominante und dem Prinzip der Sequenz begegnet sind. Teil 3 machte uns dagegen mit der Funktionstheorie und der Klammerdominante vertraut.  

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Zum Abschluss beschäftigen wir uns nun mit den letzten zwölf Takten des berühmten Klavierstücks, in denen der barocke Meister noch einmal alle Register zieht. Er verwöhnt uns unter anderem mit einem seiner berühmten Orgelpunkte, mit dessen Hilfe er über mehrere Takte hinweg gekonnt verschiedene Klangfarben und musikalische Spannungsverhältnisse miteinander mischt.      

Was ist ein Orgelpunkt?

Unter einem Orgelpunkt versteht man einen meist lang gehaltenen und tiefen Ton, über den verschiedene musikalische Muster oder Harmonien gespielt werden. So entstehen zwischen dem harmonischen Zentrum und den darüber gespielten Akkorden harmonische Spannungen. Johann Sebastian Bach hat dieses Prinzip immer wieder in seiner Musik genutzt und begeistert seit jeher Musiker mit seinem unnachahmlichen Gespür für das Erzeugen und das besonders elegante Weiterleiten und Auflösen klanglicher Spannungen.

Die letzten zwölf Takte

Am Ende des Präludiums in C-Dur begegnen wir nun also einem solchen Orgelpunkt. Zuerst einmal kommen hier aber die letzten zwölf Takte des Stücks im Überblick.   

In den letzten zwölf Takten zieht Bach noch einmal alle musikalischen Register.

Um deine Analysefähigkeiten zu kultivieren solltest du zunächst die Harmonien der ersten vier Takte dieses Abschnitts bestimmen, dabei aber auf den stets gleichbleibenden Basston achten. Im ersten Takt spielt die rechte Hand einen G-Dur-Akkord in Grundstellung, die linke das große G und das kleine F darüber. Das Ergebnis ist ein schulbuchmäßiger G7, der der Dominante entspricht.

Klanglich löst sich diese im zweiten Takt dann zur Tonika C-Dur mit Quinte im Bass auf. Jetzt ändert Bach nur zwei Töne und landet somit bei einem G7 mit Quartvorhalt, also G7sus4. Darauf kann im klassischen Kontext nur eine Harmonie im nächsten Takt folgen: G7.  

G7

C5

G7sus4

G7

Die ersten vier Takte des Orgelpunkts bestehen aus einer verkürzten Kadenz in C-Dur.

Komplizierte Harmonie voraus

Takt 28 hält dann plötzlich eine handfeste Herausforderung bereit. Vom Prinzip des Orgelpunkts begünstigt sehen wir einen über beide Hände notierten Akkord, der die Töne Fis und Es enthält und damit offensichtlich weder mit G-Dur noch mit C-Dur zu tun hat.  

Im letzten Teil unserer Analysereihe hatten wir diesen Fall schon einmal. Bis auf das G im Bass bringen wir wie immer zuerst alle Töne des Taktes in eine Hand und schließlich in folgende Reihenfolge: Fis-A-C-Es. Auf Akkordebene handelt es sich dabei um einen verminderten Septakkord auf dem Ton Fis, der nur aus kleinen Terzen besteht. Allerdings erklärt diese Analyse nicht, wie Bach darauf kam, diese Harmonie in diesem Takt einzusetzen. Dafür müssen wir deren Funktion erkunden.     

Harmonisch gesehen hat uns Bach in Takt 28 eine schwer zu knackende Nuss hinterlassen.

Könnte das eine Doppeldominante sein?

Wie wir in Teil 3 der Reihe bereits herausgefunden haben, entspricht der vierstimmige verminderte Septakkord den vier oberen Tönen eines Dominantseptakkords mit zusätzlicher kleiner None. Ergänzen wir unterhalb von Fis-A-C-Es also das eingestrichene D, erhalten wir demnach D-Dur mit kleiner Septime und kleiner None. Von der Tonart C-Dur aus handelt es sich dabei um die Doppeldominante. Folglich haben wir in Takt 28 einen verkürzten Dominantseptakkord mit kleiner None, bzw. die verkürzte Doppeldominante mit kleiner None.

Allerdings dürfen wir den Basston vergessen. Da dieser aus dem Orgelpunkt resultiert, hat er an dieser Stelle keine harmonische Bewandtnis und muss einfach nur erwähnt werden. Bei der Harmonie in Takt 28 handelt es sich also um eine verkürzte Doppeldominante mit kleiner None und der Quarte im Bass. Das liest sich alles recht kompliziert, hör dir das Ganze zur klanglichen Verdeutlichung über das Online-Keyboard an.    

Verkürzte Akkorde sind besonders schwer zu bestimmen.

G7

C5

G7sus4

G7

D7b94

Die zwei Gesichter einer Harmonie

Weiter geht es mit einem Akkord, den wir in Takt 25 bereits untersucht haben. Obwohl die Harmonie in Takt 29 aus den gleichen Tönen besteht, müssen wir diese aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Denn eine Doppeldominante, wie wir sie im Takt zuvor haben, löst sich immer zu ihrer Tonika auf, das wäre der Akkord G-Dur. Zugegeben, nur von den Tönen her drängt sich drängt sich in Takt 29 der Verdacht von C-Dur geradezu auf. An dieser Stelle müssen wir diese Harmonie aber aus der Sicht von G-Dur deuten.

Der Akkord G-Dur besteht bekannterweise aus den Tönen G-H-D. Das entspricht dem ersten, dritten und fünften Ton der G-Dur-Tonleiter. Vom gleichen Grundton aus entsprechen die Töne G-C-E also dem ersten, vierten und sechsten Ton. Somit muss der Akkord in Takt 29 aufgrund der vorhergehenden Harmonie also als Quartsextakkord gedeutet werden, der vom Ton G ausgeht. Klanglich nachvollziehbarer wird das Ganze, wenn du dir den nächsten Akkord danach auch noch hörst.               

Im harmonischen Zusammenhang der Stelle müssen wir in Takt 29 einen Quartsextakkord auf G attestieren.

G7

D7b94

G46

G7sus4

Nach dem Orgelpunkt ist vor dem Orgelpunkt

Nach zwei weiteren Takten, die also erneut aus G7sus4 und G7 bestehen, endet der Orgelpunkt. Allerdings greift Bach ab Takt 32 direkt zum nächsten Orgelpunkt, dieses Mal auf dem Ton C. Der Komponist macht aus der gerade erst erreichten Tonika C-Dur an Ort und Stelle die Klammerdominante C7. Es folgen drei Takte, die mit dem rhythmischen Muster des Klavierstücks brechen.

Takt 33 besteht aus F-Dur mit Quinte im Bass, oder F/C. Im vorletzten Takt erhöht Bach die harmonische Spannung ein letztes Mal und landet bei G/C, einer Art abgeschwächter Dominante, bei der sowohl Terz als auch Quarte zum Einsatz kommen. Toll, wie dieser musikalische Haken den Hörer zum Abschluss erneut aus dem Gleichgewicht bringt, ehe er durch den finalen C-Dur-Akkord zu guter letztlich erlöst wird.            

Bach schließt einen weiteren Orgelpunkt auf dem Ton C an, mit dem das Stück endet.

G7

C5

G7sus4

G7

D7b94

G46

G7sus4

G7

C7

F/C

G/C

C

Fazit

Puh, das war nicht leicht! Für die Zukunft ist wichtig, dass du dir das genaue Vorgehen bei der harmonischen Analyse merkst und dich immer daran hältst:

  1. Alle Töne der zu untersuchenden Stelle in eine Hand bringen
  2. Doppelte Töne streichen
  3. So lange Umkehrungen der übrig gebliebenen Harmonie bilden, bis zwischen allen Akkordtönen ein Ton übersprungen wird
  4. Durch das Identifizieren der Intervalle den Grundakkord bestimmen (Gr. + kl. Terz = Dur, usw.)
  5. Weitere Töne identifizieren und in Akkordnamen zusammenfassen (G7b9)
  6. Gegebenenfalls Funktion bestimmen      

Du kannst deine Analysefähigkeiten in weiteren Workshops auf unserer Seite kultivieren, in denen wir viele weitere harmonische Geheimnisse der großen Komponisten lüften. Viel Erfolg und wir sehen uns bei der nächsten Analyse!    

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