Eine Notation fotografieren und in eine interaktive Piano-Lesson umwandeln – das haben wir schon bei Apps wie Halbestunde oder Yamaha Smart Pianist bewundern dürfen. Aber ein Klavierstück aufnehmen und daraus automatisch Noten erstellen lassen? In diesem Bereich wird noch geforscht, aber es gibt auch erstaunliche Ergebnisse, die (fast) alltagstauglich sind.
Also MP3 rein, Noten raus? Eigentlich klingt das zu schön, um wahr zu sein. Aber in Zeiten, wo gefühlt jede Woche eine neue KI um die Ecke kommt, worüber sollte man sich da noch wundern? Tatsächlich wird auf diesem Gebiet schon seit Jahren geforscht und es gibt sogar konkrete Anwendungen, die eine Klavieraufnahme in Noten verwandeln können.

Was lange als schwierige Aufgabe galt, wird durch künstliche Intelligenz zunehmend alltagstauglich. Unternehmen wie Klangio und Songscription bringen wissenschaftliche Forschung in praktische Anwendungen. Und mit Anything Piano wird sogar aus einer Audioaufnahme eine interaktive Klavierlektion.
➡️ Schau dir dazu auch die Video-Beispiele am Anschluss dieses Artikels an!
Eine Melodie am Klavier improvisieren, einen Popsong nach Gehör spielen oder eine musikalische Idee festhalten: Wie praktisch wäre es, wenn daraus auf Knopfdruck eine fertige Partitur entstehen könnte?
Das klingt zunächst einfacher, als es tatsächlich ist. Denn Musik zu hören und Musik zu verstehen, sind zwei unterschiedliche Dinge. Während wir Menschen musikalische Zusammenhänge häufig intuitiv erfassen, muss ein Computer diese erst aus den akustischen Informationen rekonstruieren.
Welche Töne wurden gespielt? Wann beginnen sie, wie lange dauern sie und welche gehören zusammen? Und wie lässt sich daraus eine Partitur erstellen, die nicht nur korrekt ist, sondern sich auch gut lesen und spielen lässt?
Genau diese Fragen beschäftigen die Forschung seit vielen Jahren. Inzwischen zeigen erste kommerzielle Anwendungen, wie weit die Technologie gekommen ist.

Zu den Unternehmen, die sich auf automatische Musiktranskription spezialisiert haben, gehört Klang.io aus Karlsruhe. Das Unternehmen entwickelt Anwendungen, die Musikaufnahmen analysieren und in musikalische Notation übertragen.
Dabei geht es nicht nur darum, einzelne Tonhöhen zu identifizieren. Besonders beim Klavier muss die Software gleichzeitig erklingende Töne unterscheiden und deren zeitliche Beziehungen erkennen.
Ein weiterer wichtiger Schritt ist die rhythmische Interpretation. Denn wer Klavier spielt, hält sich selten exakt an ein starres Zeitraster. Kleine Verzögerungen, Beschleunigungen und frei gestaltete Phrasen gehören zum musikalischen Ausdruck.
Eine Forschungsarbeit* von Maximilian Wachter, Sebastian Murgul und Michael Heizmann aus dem Jahr 2025 beschäftigt sich genau mit diesem Problem. Die Entwickler von Klang.io und dem Karlsruher Institut für Technologie untersuchten, wie sich ausdrucksvoll eingespielte MIDI-Daten mithilfe künstlicher Intelligenz in rhythmisch sinnvoll notierte Musik übertragen lassen.
Einen weiteren interessanten Ansatz verfolgt das kalifornische Unternehmen „Play Anything“ mit seiner Anwendung Songscription.ai.
Im Jahr 2024 veröffentlichten Tim Beyer und Angela Dai von der Technischen Universität München eine Forschungsarbeit zur automatisierten Übertragung von Klavierperformances in klassische Notenschrift.
Das Problem: Selbst wenn die gespielten Töne bereits als MIDI-Daten vorliegen, entsteht daraus nicht automatisch eine gut lesbare Partitur. MIDI beschreibt zunächst, welche Töne wann gespielt wurden. Eine klassische Notation verlangt dagegen musikalische Entscheidungen.
Welche Notenwerte sind gemeint? Wo beginnt ein neuer Takt? Welche Töne gehören in welches Notensystem? Und wie lassen sich musikalische Verzierungen sinnvoll darstellen?
Beyer und Dai entwickelten dafür ein KI-Modell auf Basis sogenannter Transformer. Vereinfacht gesagt versucht die Software, eine gespielte Klavierperformance ähnlich wie eine Übersetzung zu behandeln: Aus den zeitlichen Abläufen wird eine strukturierte musikalische Notenschrift.
Mit Songscription funktioniert das Ganze nicht zu 100 Prozent perfekt, aber doch erstaunlich gut. Ich habe eine Audiodatei einer Klavier-Performance hochgeladen, die bei Akkorden im Tonansatz immer auch leicht im Timing variiert. Es ist ein einfaches Stück, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Unterhalb der Klaviernotation gibt Songscription auch eine Piano-Roll-Animation aus. Beide Ansichten folgen beim Abspielen der originalen Audio-Datei.

Außer diesem Lesen-Modus bietet Songscription auch die Bearbeitung der Notation an. Die Ansicht ähnelt vielen Noten-Editor-Programmen, was hier neu ist: Die Bearbeitung funktioniert – wenn man es möchte – KI-unterstützt. Man kann mit Annie chatten, um die automatisiert erstellte Notation auf Fehler zu überprüfen und diese ggfls. ebenso automatisiert zu korrigieren. In unserem Beispiel gab es in Takt 6 die Angabe „Bbm9/C“, in der Aufnahme wird zu dem Zeitpunkt jedoch nur der Ton C gespielt.

Der Grund: Aus den vorausgehenden Takten bleiben Töne durch das Sustain-Pedal gehalten, sodass es zu harmonischen Interpretationen kommt. Solche Situationen konnte ich mit Annie analysieren und korrigieren, ohne selber auch nur eine Note oder Artikulation manuell einzugeben. Ansonsten arbeitet der Editor aber auch per manueller Eingabe.
Play Anything geht mit der App Anything Piano noch einen Schritt weiter. Die Anwendung konzentriert sich nicht auf das gedruckte Notenblatt, sondern auf das unmittelbare Lernen und Nachspielen eines Musikstücks.

Dazu wird eine Audioaufnahme analysiert und in eine interaktive Piano-Roll-Darstellung übertragen. Die Ansicht erinnert an die zahlreichen Piano-Tutorials auf YouTube.
Der große Unterschied zu Youtube-Videos: Das Tutorial muss nicht zuvor von einem Menschen erstellt worden sein. Die KI erzeugt die spielbaren Informationen aus der Musikaufnahme selber, wobei das Ergebnis ein interaktives Piano-Tutorial geworden ist.
Darüber hinaus wird eine Audio-Datei von Anything Piano in eine MIDI-Datei verwandelt, die dann von dem Klaviersound in der App wiedergegeben wird. Das wiederum bringt einige Vorteile mit sich: Während man am Instrument übt, kann die Anwendung das eigene Spiel verfolgen und Rückmeldung geben. Auch das Übetempo lässt sich anpassen, schwierige Passagen können wiederholt und die Hände getrennt geübt werden.
Die Ergebnisse sind erstaunlich und zeigen, dass die automatische Transkription nicht zwangsläufig in einer klassischen Partitur enden muss. Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen den beiden Anwendungen: Songscription kann klassische Notenschrift erzeugen, Anything Piano beschränkt sich bislang auf die Piano-Roll-Darstellung. Es wird sicher nur eine Frage der Zeit sein, wann beide Anwendungen die volle Funktionalität bieten werden.
Das ist sicher noch Zukunftsmusik, aber betrachtet man die verschiedenen Entwicklungen gemeinsam, zeichnet sich eine interessante Perspektive ab. Mit Klang.io, Songscription und Anything Piano sind Anwendungen entstanden, die Teile dieser Technologien bereits für den musikalischen Alltag nutzbar machen.
Damit verschiebt sich auch die Frage, was eine automatische Musiktranskription eigentlich leisten soll. Geht es lediglich darum, die richtigen Töne auf einem Notenblatt festzuhalten? Oder soll die Software uns auch dabei helfen, ein Musikstück zu verstehen, zu üben und schließlich selbst zu spielen?
Gerade für das Klavierlernen eröffnet das interessante Möglichkeiten. Man könnte sich vorstellen, dass eine Aufnahme künftig nicht nur eine Partitur liefert, sondern eben ein Format, das viele Möglichkeiten bietet, sich einem Klavierstück zu nähern. Schon jetzt ist es möglich, das Tempo zu variieren, die Tonart zu ändern und verschiedene Schwierigkeitsgrade erzeugen zu lassen. Eine aktuelle Forschung beschäftigt sich sogar mit der Übersetzung in Fingersatzvorschläge* – so sind individuell angepasste Übungen denkbar.
Noch sind wir von einer vollständig automatisierten Lösung ein gutes Stück entfernt. Komplexe Klaviermusik, frei gestaltete Rhythmen und die musikalisch sinnvolle Aufbereitung stellen die KI weiterhin vor Herausforderungen.
Aber die Richtung ist erkennbar: Aus einer Technologie, die ursprünglich nur gespielte Töne erkennen sollte, entwickelt sich zunehmend ein Werkzeug, das Musik in eine lesbare und lernbare Form übersetzt.
Und praktisch nutzen kann man die Software auf jeden Fall. Wer wie ich selber Songs und Stücke heraushört und transkribiert, wird die schon jetzt vorhandenen Möglichkeiten feiern.
Und vielleicht ist genau das die spannendste Perspektive: Nicht die Abschaffung des Notenlesens, sondern ein neuer Zugang zur Musik, der verschiedene Perspektiven zulässt. So kann die Software eine Brücke schlagen zwischen denen, die nach Noten spielen können und denen, die es nicht beherrschen (aber trotzdem gut auf ihrem Instrument und z.B. virtuose Improvisatoren sind).
Hier zwei Beispiele, in denen ich eine Klavieraufnahme in Noten umgewandelt habe – zuerst mit Songscription, dann mit Anything Piano. Es ist ein simples Stück im Felt-Piano-Stil. Um es der KI bei der Interpretation aber nicht zu leicht zu machen, sind lange Passagen im Pedal gespielt, sodass Harmonien ineinanderfließen.
Ebenso sind Zusammenklänge nicht alle auf den Punkt gespielt, sondern teilweise sogar sehr locker im Timing ausgeführt, aber das ist nunmal auch ein Stilmittel der Musik. Ich war vom Ergebnis überrascht, denn ausnotiert stimmt die Interpretation. Die Ergebnisse sind wirklich verblüffend und haben nur kleine Schönheitsfehler. Brauchbar ist das entstandene Material allemal.
Songscription gibt dabei die Klaviernoten parallel zur Piano-Roll-Darstellung aus. Beides wird zum Original-Audio wiedergegeben.
Man kann hier sehen, wie schnell die Entwicklung gerade ist: Während der Bearbeitung dieses Artikels wurden als neues Feature bei Songscription auch Fingersätze in der Piano-Roll-Darstellung implementiert.
Das gleiche Klavierstück, nun aber von Anything Piano umgesetzt. Zwar gibt es hier nur die Piano-Roll-Darstellung, jedoch wird der Song von dem internen Klavierklang der Anything-Piano-App gespielt.
Die drei Arbeiten, auf denen meine Einordnung basiert:
Zum Schulbeginn musikalisch durchstarten mit der Thomann Back 2 School-Aktion - Günstige Deals für Piano, Keyboard, Gitarre, Schlagzeug...
Ein Klavier in der Mietwohnung? Ein E-Piano ist oft die bessere und preiswertere Lösung. Aber kann man auf einem Digitalpiano Klavier lernen?
Noten lesen lernen am Klavier ist anspruchsvoll, aber nicht so schwierig wie du denkst - die Basics lernst du in diesem PIANOO-Tutorial.
Welche Klavierstücke man lernt, das hängt vom Musikgeschmack ab. Tipps & Anregungen hier in diesem Tutorial und im PIANOO-Podcast.
Welches Masterkeyboard mit Piano-Tasten bietet das beste Spielgefühl? Unser Ratgeber erklärt Unterschiede bei Tastaturen, Hammermechanik etc
E-Piano oder Klavier - was ist besser für den Einstieg und wo liegen die Unterschiede? Oder entscheidet einfach nur das Budget?
Alicia Keys - Fallin: Lerne die Klavierakkorde für den Mega-Hit aus Alicia Keys Debütalbum "Songs in A Minor".
Als Erwachsener Klavier lernen? Warum du nicht zu spät dran bist und wie du ohne Druck, aber mit Plan wirklich anfängst.
Mit den richtigen Klavierübungen schnell Fortschritte machen. Diese leichten Übungen für Anfänger helfen dir, besser spielen zu lernen.
Ob Klavierspielen schlau macht? Vielleicht nicht über Nacht. Aber wer regelmäßig in die Tasten greift, bringt sein Gehirn ordentlich in Schwung.
Egal, ob Anfänger in jungen Jahren oder als Erwachsene: Erfahre hier, wie du beim Klavier lernen schnell Fortschritte machst.
Fingerübungen am Klavier helfen beim Aufbau von Technik und Koordination. Wir zeigen, wie Anfänger*innen sinnvoll üben - ganz ohne Überforderung!
Sie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Turnstile. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen