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Johann Sebastian Bachs Präludium in C-Dur BWV 846 – Harmonien einfach erklärt – Teil 3

Bachs-Harmonien-Teil-III
(Bild mit KI bearbeitet)
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Erneut entschlüsseln wir die harmonischen Geheimnisse der klassischen Musik im mittlerweile dritten Teil unserer Analysereihe Johann Sebastian Bachs Präludium in C-Dur BWV 846 – Harmonien einfach erklärt. Anhand dieses sehr bekannten Klavierstücks zeigen wir auf, wie man Akkorde im Notentext treffsicher bestimmt und welche kompositorischen Tricks der berühmte Barockmusiker für seinen einzigartigen Sound einsetzt.

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Die Teile 1 und 2 der Reihe haben uns bis einschließlich Takt 11 geführt, wo sich das Stück kurzzeitig auf G-Dur ausruht. Nun stehen die nächsten vier Takte an, über die Bach den kompositorischen Heimweg zurück zu C-Dur einleitet, dem harmonischen Zentrum des Stücks. Das gelingt ihm unter anderem über eine spezielle Harmonie, die leicht zu bestimmen, aber schwer zu deuten ist.   

Der erste Akkord hat es direkt in sich

Zur Erinnerung sehen wir noch einmal die beiden Takte davor, in denen Bach eine längere Modulationsphase beendet und sein Werk mit einer finalen Doppeldominante nach G-Dur lenkt. Im folgenden Takt wird es harmonisch dann direkt spannend.   

Direkt in Takt 12 begegnen wir einer recht komplizierten Harmonie.

Auf den ersten Blick könnte man durch das B in der linken Hand vermuten, dass es sich beim ersten neuen Akkord um eine Form von g-Moll handelt, sicherheitshalber halten wir uns aber lieber an unsere bewährte Analysemethode. Wie immer löschen wir doppelte Töne und bringen den Rest in eine Hand, so erhalten wir die Töne E-G-B-Cis. Die ersten drei Töne ergeben einen verminderten Akkord, durch das Cis könnte es sich also um einen verminderten Septakkord handeln.

Allerdings ergibt der vermeintliche Grundton E zusammen mit dem Ton C eine kleine Sexte, durch das Kreuz wird daraus eine große. Diese klingt zwar genau wie die verminderte Septime, die den verminderten Septakkord ja ausmacht, aber in der auf reiner Mathematik beruhenden Musiktheorie ist das eben nur klingend das Gleiche.

Während Rachmaninow des Öfteren enharmonisch verwechselt hat, hauptsächlich um Doppelvorzeichen zu vermeiden, gab es diese Praxis zu Bachs Zeiten noch nicht.

Im zweiten Takt der folgenden Übersicht sehen wir auch eindeutig, dass die oberen beiden Töne nebeneinander liegen. Offensichtlich haben wir hier also keine Grundstellung, die wir für die Bestimmung eines Akkords aber brauchen.

Daraus folgt: In dieser Lage ergeben die Töne keinen verminderten Septakkord und das E ist also nicht der Grundton. Demnach müssen wir die Töne umstellen. Wir bringen das Cis eine Oktave tiefer und erhalten dadurch Cis-E-G-B.

Welchen Akkord ergeben die Töne Cis-E-G-B?

Auch hier ergeben die ersten drei Töne einen verminderten Akkord, soweit so gut. Vom Cis aus wäre das H die kleine Septime, mit dem B wird daraus die verminderte 7. Dieser Akkord besteht also aus drei kleinen Terzen und heißt somit verminderter Septakkord auf Cis. Als Symbole für diese Harmonie stehen Ciso7 oder Cis dim7 zu Verfügung. Die Abkürzung dim steht für diminished, was übersetzt vermindert bedeutet.  

Das ist ein verminderter Septakkord auf dem Ton Cis.

Im nächsten Takt folgt dann allerdings d-Moll als Sextakkord. Von Cis vermindert nach d-Moll scheint ungewöhnlich, liegen wir mit unserer Analyse etwa falsch?

Die sagenhafte Welt der musikalischen Funktionen

Die Antwort lautet: Nein. Um verstehen zu können, warum sich Bach für diese beiden Harmonien entschieden hat, müssen wir uns in die Welt der musikalischen Funktionen begeben.

Du kennst sicher den Begriff Dominante, das ist der Akkord auf der fünften Stufe einer Tonleiter. Dieser Funktion werden bestimmte klangliche Eigenschaften zugesprochen, weshalb die Dominante besonders in der klassischen Musik oft eingesetzt wird.

Bachs Präludium steht in C-Dur, die Dominante dieser Tonart ist also der Akkord G-Dur. Allerdings kann auch jeder Akkord, den es in C-Dur gibt, seine eigene Dominante mitbringen. Im letzten Teil sind wir beispielsweise schon der Doppeldominante D-Dur begegnet, also der Dominante der Dominante.

Durch das zusätzliche Vorzeichen in den Takten 6 und 10, das das F zu Fis erhöht, haben wir auf den ersten Blick erkannt, dass D-Dur normalerweise nicht in C-Dur vorkommt. Da dieser Akkord aber eine bestimmte Funktion erfüllt, fällt das klanglich nicht negativ auf, reichert das Klangbild stattdessen eher an.  

In der Tonart C-Dur entspricht der Akkord D-Dur der Doppeldominante.

Was ist eine Klammerdominante?

Nach dem verminderten Septakkord begegnen wir schließlich d-Moll mit Terz im Bass, der Akkord der zweiten Stufe, der durchaus in der Tonart C-Dur vorkommt.

D-Moll schreibt Bach als Sextakkord.

Vom oben genannten Prinzip ausgehend, könnte d-Moll seine Dominante voranstellen, das wäre dann eine sogenannte Klammerdominante. Der Name bezieht sich darauf, dass außer bei der eigentlichen Dominante und der Doppeldominante die Funktionssymbole alle anderen Dominanten in Klammern geschrieben werden. Diese Harmonie hieße A-Dur und bestünde aus den Tönen A-Cis-E.

Den Ton A finden wir im ersten Takt zwar nicht, allerdings gibt es das Cis und das E. Machen wir aus der Harmonie einen Dominantseptakkord, also A7, erhalten wir zusätzlich die kleine Septime G, die ebenfalls vorkommt. Und auch das B lässt sich vom möglichen Grundton A aus erklären, das ist nämlich die kleine None. All das ergibt einen Septnonakkord, oder einen Dominantseptakkord mit kleiner None.          

Verrückterweise kann diese Funktion selbst dann ihren Zweck erfüllen, wenn der Grundton fehlt. Dann spricht man von einem verkürzten Akkord. Und genau das ist hier der Fall, denn der Takt enthält ja kein A.

Auf der Akkordebene ergibt die Analyse dieses Takts also einen verminderten Septakkord auf Cis, bzw. einen verkürzten Dominantseptakkord mit kleiner None. Funktional betrachtet handelt es sich dabei um eine verkürzte Klammerdominante zu d-Moll.

Sind ein Akkord oder eine Funktion verkürzt, fehlt der Grundton und das Symbol wird durchgestrichen.

Es darf sequenziert werden

Die nächsten beiden Takte wirken irgendwie vertraut, obwohl wir im ganzen Stück bisher noch kein einziges As hatten. Das liegt daran, dass sie eine Sequenz der beiden Takte davor darstellen. Dabei handelt es sich um die Kopie einer Stelle, die höher oder tiefer wiederholt wird.

Kleinere tonartbedingte Anpassungen der Harmonien sind dabei erlaubt, weshalb wir nach der zweiten Klammerdominante plötzlich auf einem Durakkord landen. Diese vier Akkorde heißen also: Verkürzter A7b9, Dm3, verkürzter G7b9 und C3.        

Eine Sequenz muss eine Stelle nicht zwingend wörtlich wiederholen, tonartbedingte Anpassungen sind erlaubt.

Fazit

Wie du siehst, können es vier Takte harmonisch ganz schön in sich haben. Und verkürzte Harmonien machen die Sache nicht gerade leichter. Wichtig ist der Unterschied zwischen Akkorden und Funktionen.

Ein korrekt bestimmter Akkord sagt dir alles, was du über diese Harmonie wissen musst. Warum der Komponist sich an dieser Stelle dafür entschieden hat, wird in der Regel aber nicht dadurch ersichtlich. Dafür braucht es die Funktionen, die die Rolle der Harmonie innerhalb der Tonart  und der folgenden Takte mit einbeziehen. 

Selbst wenn Bachs Präludium an sich leicht klingt, ist es dennoch voller harmonischer Überraschungen, denen wir im nächsten Teil unserer Analysereihe weiter auf den Grund gehen.    

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