Welcher Pianist mag schon Tonleitern? So gern sie im Klavierunterricht eingesetzt werden, so unbeliebt sind sie in der Regel bei Schülern – und oft auch bei „ausgewachsenen“ Profis. Aber was genau sind Tonleitern eigentlich? Aus wie vielen Tönen bestehen sie und warum sind sie am Klavier so wertvoll? Hier sind die 5 wichtigsten Fakten zu Tonleitern.
Eine Tonleiter ist eine auf- oder abwärts gerichtete Folge von Tönen. Der Name Leiter kommt daher, dass man sich von einer Stufe zur nächsten bewegt, ohne Stufen dabei auszulassen – genau so, wie man eine Leiter Sprosse für Sprosse hoch- oder runtersteigt. Dabei werden durchaus Töne übersprungen, aber eben nur die, die nicht in der jeweiligen Tonleiter vorkommen. Als Beispiel: Bei der C-Dur-Tonleiter überspringt man am Klavier alle schwarzen Tasten.

In der Regel hat eine Tonleiter insgesamt acht Töne. In so einem Fall wiederholt der letzte Ton den ersten allerdings eine Oktave höher, streng genommen besteht die Leiter demnach aus sieben unterschiedlichen Tönen. Die Frage, wie viele Töne beispielsweise die C-Dur-Tonleiter hat, lässt sich trotzdem zweierlei beantworten und beide Antworten sind richtig.
Es gibt aber noch viele weitere Tonleitern, darunter welche mit 5, 8 (bzw. 9 – mit der Wiederholung des Grundtons eine Oktave höher) oder 12 Tönen. So unterschiedlich die Zusammensetzung der Tonleitern ist, so unterschiedlich sind auch ihr Klang und ihre Namen.

Die bekanntesten Tonleitern mit sieben Tönen sind Dur, natürliches, harmonisches und melodisches Moll. Auch die Kirchentonarten wie Dorisch oder Phrygisch gehören zu dieser Kategorie. Die Pentatonik besteht dagegen aus fünf Tönen, die Ganztonleiter aus sechs und die chromatische Leiter vereint alle zwölf in der westlichen Musik bekannten Töne in einer einzigen Leiter.
Die osteuropäische Folklore kennt beispielsweise die ungarische Molltonleiter, die ebenfalls sieben Töne hat und auf harmonischem Moll basiert, bei dem aber zusätzlich die vierte Stufe erhöht wird.
Dadurch wird auch die Quinte dieser Skala quasi über einen Halbtonschritt von unten angesteuert. Jazzmusiker nutzen dagegen oft die achttönige Halbton-Ganzton-Leiter, bei der die Tonschritte strikt abwechselnd stattfinden. Ebenfalls symmetrisch ist die sechstönige Ganztonleiter. Was alle Tonleitern neben der Anzahl ihrer Töne voneinander unterscheidet, ist ihr Aufbau.

Da sich Tonleitern grundsätzlich in Tonschritten bewegen, entspricht jeder Schritt von Natur aus dem Intervall einer Sekunde. Dur- und Moll-Leitern bestehen rein aus Halb- und Ganztonschritten – und damit kleinen und großen Sekunden.
Nur die Reihenfolge ist unterschiedlich. Harmonisches und ungarisches Moll sowie die phrygisch-dominante Tonleiter enthalten durch Tonalterationen auch übermäßige Sekunden, die musiktheoretisch übrigens nicht mit kleinen Terzen zu verwechseln sind.
Bei der Chromatik finden sich dagegen nur Halbtöne, während die Pentatonik aufgrund der wenigen Töne aus Ganzton- und Terzschritten besteht. Grundsätzlich gilt also: Je mehr Töne eine Tonleiter hat, desto kleiner sind die Abstände zwischen ihnen – und umgekehrt.

Die Vorteile von Tonleitern am Klavier liegen im wahrsten Sinne des Wortes auf der Hand. Zum einen fördern sie deine allgemeine Geläufigkeit, zum anderen schulen sie dich beim wichtigen Daumenuntersatz.
Zudem lernst du deine Hand in ganz unterschiedlichen Positionen und Tonarten kennen und sammelst gleichzeitig Erfahrung mit unterschiedlichen Fingersätzen. Bei manchen Tonleitern beginnt die rechte Hand nämlich mit dem Zeigefinger und nicht mit dem Daumen.
Am Klavier sind Tonleitern aber auch perfekt zum Aufwärmen. Spielst du sie in beiden Händen zusätzlich gegenläufig, entfalten sie sogar einen koordinativen Nutzen. Hinzu kommen musiktheoretische Vorteile, weil du dadurch automatisch lernst, welche Töne in welchen Tonleitern vorkommen.
Und auch pädagogisch sind sie wertvoll. Nach einer gewissen Zeit erfordert das Üben von Tonleitern weniger Konzentration als eine schwierige Stelle in einer Liszt-Etüde. Dann geht es dabei mehr um die Aspekte Bewegung und Klang.
Und schon der eben zitierte Liszt soll seinen Klavierschülern sinngemäß die Hausaufgabe gegeben haben: Pro Tag 20 Minuten Üben und zusätzlich vier Stunden Spielen. Vielleicht gibst du den Tonleitern in deiner nächsten Übeeinheit einfach mal eine Chance. Unter Umständen gefällt es dir ja sogar.
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