In der klassischen Musik sind nicht nur die verwendeten Akkorde und harmonischen Zusammenhänge interessant. Diese wundervollen Werke sind außerdem voller musikalischer Ideen und Kompositionstechniken, die wir in unserer neuen Reihe ausführlich analysieren. Anschließend kannst du diese Tricks in deinen eigenen Stücken einsetzen und so für mehr Abwechslung sorgen. Wir beginnen mit der Süßen Träumerei op. 39 No. 21 aus dem Jugendalbum von Pjotr Iljitsch Tschaikowski.
Inspiriert von Schumanns Album für die Jugend schrieb Tschaikowski rund 30 Jahre später seine eigene Sammlung von Kinderstücken – das Jugendalbum. Darin enthalten sind 24 kurze und leichte Kompositionen, die Namen wie „Die neue Puppe“, „Mama“ oder „Der Bauer spielt Ziehharmonika“ tragen. Wir beschäftigen uns in dieser mehrteiligen Analyse mit: Süße Träumerei op. 39 No. 21.
Zuerst machen wir uns mit dem Klavierwerk vertraut. Hier siehst du den ersten Teil des Stücks, das in C-Dur steht.

Jetzt fehlt nur noch der Höreindruck, den kein Geringerer als Lang Lang beisteuert.
Abgesehen vom polyphonen Konzept hat es sich in der Musik über die Jahrhunderte etabliert, dass die Melodie in der Regel von der obersten Stimme übernommen wird. Das hatte vorrangig akustische Gründe, denn so wird sichergestellt, dass das wichtigste musikalische Element stets gut gehört wird.
In den Takten 1 bis 4 der Süßen Träumerei sehen wir die Melodie des Stücks dementsprechend in der rechten Hand. Eine ähnliche Figur findet sich aber auch in der Bassstimme, die von der linken Hand gespielt wird. Die verwendet auch die gleichen Notenwerte wie die obere Stimme und spielt diese sogar zur gleichen Zeit.

Diese Kompositionstechnik zeigt Tschaikowskis große Erfahrung im Umgang mit orchestraler Musik. Dort wandern Melodien sehr oft durch alle Stimmen und damit durch ganz unterschiedliche Instrumente und deren Gruppen. Die Melodie in der Bassstimme ist in einem Orchesterwerk also an der Tagesordnung.
Ab Takt 5 erweitert der Komponist dieses Prinzip und setzt in der unteren Melodie andere Notenwerte ein, die an eine übliche Bassstimme erinnern. Der thematische Zusammenhang bleibt aber bestehen.

Höre dir den ersten Teil des Stücks in Lang Langs Performance nun noch einmal an und achte dabei auf beide Melodien. Hörst du, wie sich beide Stimmen ergänzen und einen musikalischen Rahmen für die Begleitung in der Mitte bilden?
Nutze diese Kompositionstechnik in eigenen Stücken und führe deine Melodien durch alle Stimmen. Dadurch entsteht Abwechslung und dein Werk bleibt somit spannend.
In den ersten vier Takten der Süßen Träumerei verbirgt sich eine weitere Kompositionstechnik, die in der klassischen Musik weit verbreitet ist. Wir haben bereits festgestellt, dass beide Melodiestimmen die gleichen Notenwerte spielen und das sogar gleichzeitig. Schaut man genau hin, entfernen sich die beiden Stimmen aber auch voneinander, denn die obere Stimme steigt, während die untere fällt. Dieses Prinzip nennt man in der Musik Gegenbewegung.

Der Komponist nutzt die Gegenbewegung an dieser Stelle auch dafür, den Hörer auf die zweite Harmonie vorzubereiten. Der A-Dur-Akkord im zweiten Takt hat als Klammerdominante zu d-Moll (Takt 3) in der Tonart C-Dur durchaus seine Berechtigung, kann aber fremd wirken. Die Gegenbewegung der unteren Stimme schwächt diesen Effekt ab, da sie durch die abwärtsgerichtete chromatische Linie unweigerlich beim Ton A landet.
Beide Prinzipien kannst du in deinen Kompositionen nutzen. Zwei Harmonien, die hintereinander scheinbar fremd klingen, müssen unter Umständen einfach nur durch eine Melodie verbunden werden – raffinierterweise durch eine Gegenbewegung zur Hauptmelodie.
Auch die Sequenz gehört zur klassischen Musik wie die Tasten zum Klavier. Und dieses Kompositionsprinzip nutzt Tschaikowski ebenfalls in der Süßen Träumerei. Dabei wird ein musikalisches Motiv höher oder tiefer als das Original wiederholt. Grundsätzlich bleiben die Intervalle bei der Wiederholung gleich, Anpassungen an den harmonischen Zusammenhang sind allerdings erlaubt.
Nach der ersten Sequenz in den Takten 3 und 4 geht der Komponist allerdings noch einen Schritt weiter und passt den Melodieverlauf leicht an. Der Höreindruck einer Sequenz bleibt dennoch bestehen. Erst in Takt 14 durchbricht Tschaikowski das Muster dann endgültig.

Auch hier empfiehlt es sich, dem großen Lang Lang zu lauschen und dabei auf die insgesamt fünf Sequenzen zu achten. Spürst du, wie befriedigend der Ausbruch aus dem kompositorischen Muster in Takt 14 wirkt?
Sequenzen sind ein super Tool für deine eigene Musik. Du erschaffst damit einen motivischen Zusammenhang, der deine Musik nachvollziehbar macht. Dadurch kommen deine Kompositionen besser bei Zuhörern an.
Vielleicht sind dir bereits die Takte 5 und 7 aufgefallen. In der rechten Hand kommt es an diesen beiden Stellen zu einer speziellen Notation. Dort stehen jeweils zwei Töne direkt nebeneinander. Es handelt sich dabei aber nicht um einen Notationsfehler.
Auf diese Weise teilt uns der Komponist mit, dass die Töne zu unterschiedlichen Stimmen gehören. Die Viertelnote stammt aus der Melodie, die aufwärts steigt. Die punktierte Halbe bildet eine Begleitstimme, die es im Stück bisher noch nicht gab. Tschaikowski fand es wichtig, dass der Ton A während des ganzen Taktes 5 liegen bleibt, auch wenn er in der oberen Stimme nur die Dauer einer Viertelnote hat.
Da beide Stimmen zwar die gleiche Tonhöhe aber nicht die gleichen Notenwerte nutzen, bleibt nur, beide Töne nebeneinander zu notieren. Übereinander wäre die Halbe nicht mehr sichtbar, da sie von der Viertelnote verdeckt werden würde. Begegnest du einer solchen Notation, lohnt es sich für mehr Klarheit, die involvierten Stimmen im Notentext ausfindig zu machen.

Du siehst: Auch die großen klassischen Komponisten haben sich nicht nur auf ihre musikalischen Ideen und Eingebungen verlassen. Nicht nur in der Musik von Mozart, Beethoven oder Tschaikowski stecken viele Kompositionstechniken und musikalisches Handwerk. Im zweiten Teil unserer Kompositionsanalyse der Süßen Träumerei von Pjotr Iljitsch Tschaikowski beschäftigen wir uns dann unter anderem mit dem zweiten Teil des Klavierstücks. Es bleibt spannend.
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