Mit Rock You Like A Hurricane starten wir direkt mit einem Song, den wahrscheinlich fast jeder schon einmal gehört hat. Die Scorpions veröffentlichten ihn 1984 und besonders das markante Gitarrenriff und der große Refrain machten diesen Track zu einem ihrer bekanntesten Songs.
Dabei finde ich gerade den Anfang ziemlich spannend. Bevor der Song richtig loslegt, wirkt er fast ein bisschen mysteriös, was definitiv den visuals im Musikvideo zu verdanken ist.
Er baut langsam Spannung auf und sobald dann der Refrain einsetzt, ist davon allerdings nicht mehr viel übrig: Gitarren, Drums und Klaus Meines Stimme sorgen für genau diesen großen und energiegeladenen Hard-Rock-Sound, bei dem man eigentlich kaum still sitzen kann.
Bei Eugens Version hatte ich dagegen in den ersten Sekunden kurz das Gefühl, versehentlich bei Fluch der Karibik gelandet zu sein. Das Piano klingt dramatisch, schnell und filmreif. Dabei hält er sich nicht nur an die bekannte Melodie, sondern baut viele eigene Improvisationen ein und macht aus dem Song teilweise etwas völlig Neues.
Gerade durch sein schnelles Spiel passiert teilweise so viel gleichzeitig, dass man kaum glauben kann, hier spielt nur ein einziger Pianist. Rock You Like A Hurricane bleibt vor allem im Refrain sofort erkennbarm dazwischen nimmt sich Eugen aber erstaunlich viele Freiheiten.
Und genau das macht das Cover für mich so interessant: Das Original lebt von seinem großen Gitarrenriff und der direkten Rock-Energie, während die Piano-Version noch facettenreicher wirkt und ständig etwas Neues zu entdecken bleibt.
Mit Dream On bleiben wir erst einmal bei den ganz großen Klassikern. Der Song erschien bereits 1973 auf Aerosmiths Debütalbum und gehört heute wohl zu den bekanntesten Stücken der Band.
Anders als bei Rock You Like a Hurricane müssen wir diesmal allerdings gar nicht darauf warten, dass das Piano die Stimmung verändert, denn Dream On klingt für mich schon im Original unglaublich melancholisch, was wir normalerweise von Piano-Covern gewohnt sind.
Das Klavier spielt dort ohnehin eine wichtige Rolle und begleitet Steven Tylers zunächst vergleichsweise ruhigen Gesang, bevor der Song immer größer und intensiver wird. Gerade dieser Aufbau macht für mich viel aus: Aus der anfänglichen Melancholie entwickelt sich nach und nach etwas richtig Kraftvolles, bis Tyler gegen Ende stimmlich praktisch alles herausholt.
Gamazda kennen wir bereits aus mehreren unserer Artikel und auch bei Dream On beeindruckt sie mit ihrem Können. Sie bleibt am Anfang ziemlich nah am Original und die Melodie ist sofort erkennbar, zwischendurch baut sie immer wieder kleine Läufe und Verzierungen ein, die bereits erahnen lassen, dass sie den Song nicht einfach nachspielen möchte.
Spätestens im Refrain ändert sich das komplett. Gamazda improvisiert hier nun viel stärker und lässt stellenweise sogar leicht jazzige Elemente einfließen. Trotzdem geht die melancholische Grundstimmung nie verloren, ganz im Gegenteil. Sie spielt unglaublich gefühlvoll und schafft es dadurch, einem Song, bei dem das Piano ohnehin schon zum Original gehört, trotzdem noch einmal einen ganz eigenen Charakter zu geben.
Nach Scorpions und Aerosmith wechseln wir jetzt ziemlich radikal die Richtung. Dangerous Woman gehört zu Ariana Grandes bekanntesten Songs und klingt schon nach wenigen Sekunden komplett anders als unsere bisherigen Kandidaten: selbstbewusst, verrucht und ziemlich sexy. Der langsame Groove und Grandes Stimme tragen natürlich einen großen Teil dazu bei, interessant finde ich aber vor allem die E-Gitarre.
Denn die sorgt hier ebenfalls für ordentlich Power, nur auf eine ganz andere Art als bei unseren beiden Rock-Songs zuvor. Statt den Song einfach größer und wuchtiger zu machen, verstärkt sie für mich die selbstbewusste Grundstimmung. Gerade das Gitarrensolo passt perfekt dazu und macht Dangerous Woman noch ein kleines bisschen cooler und provokanter.
Bei der Piano-Version von The Theorist hatte ich mit vielem gerechnet, aber nicht unbedingt damit, wie reduziert der Song plötzlich klingt. Wenn nur das Piano bleibt, verschwindet ein großer Teil dieses selbstbewussten und verruchten Auftretens. Die Melodie ist zwar sofort wiederzuerkennen, wirkt aber deutlich ruhiger und stellenweise fast ein bisschen jazzig.
Interessanterweise wird Dangerous Woman dadurch für mich aber nicht automatisch traurig oder zur klassischen Piano-Ballade. Stattdessen hat die Version etwas leicht Verzauberndes. Man fühlt sich beim Hören vielleicht nicht mehr ganz so selbstbewusst, dafür möchte man einfach zuhören und sich in dieser reduzierten Melodie verlieren. Das Piano nimmt dem Song etwas von seiner Attitüde, aber keineswegs seinen Reiz.
Mit Lana Del Rey landen wir bei einer Künstlerin, die wir auf Pianoo mittlerweile ziemlich gut kennen. West Coast gehört für mich aber trotzdem zu ihren besonderen Songs, weil bereits das Original eine ganz eigene Atmosphäre entwickelt. Der Sound ist schwül, psychedelisch und irgendwie leicht befremdlich – gleichzeitig zieht er einen genau deshalb sofort in seinen Bann.
Dazu passt die Sehnsucht, die sich durch den Song zieht. Besonders markant sind für mich aber die plötzlichen Tempowechsel. Sobald West Coast langsamer wird, könnte man für einen Moment fast glauben, in einem anderen Song gelandet zu sein. Trotzdem fügt sich alles erstaunlich gut zusammen und verstärkt diesen leicht entrückten Charakter nur noch mehr.
Erstaunlicherweise funktioniert genau dieser Effekt auch auf dem Piano richtig gut. Die schwüle, psychedelische Atmosphäre des Originals verschwindet zwar größtenteils, dafür klingt West Coast auf den Tasten für mich richtig düster. Nicht unbedingt traurig oder melancholisch.
Besonders spannend wird es wieder beim Tempowechsel. Auf dem Piano fällt er für mich sogar noch stärker auf und der Pianist spielt zusätzlich sehr bewusst mit unterschiedlichen Lautstärken.
Mal hält er sich zurück, dann wird sein Spiel wieder deutlich intensiver und genau dadurch entsteht eine Spannung, bei der ich immer weiterhören möchte. Das Piano allein erschafft also eine ganz andere Atmosphäre als das Original, in seinen Bann zieht mich West Coast aber trotzdem sofort wieder.
Zum Abschluss gehen wir noch einmal in eine komplett andere Richtung. Toxic von Britney Spears ist mittlerweile ein echter Pop-Klassiker und ein Song, bei dem eigentlich schon wenige Sekunden reichen, um ihn zu erkennen. Das Original ist hektisch, schrill und elektronisch und hat diesen ganz eigenen Sound, der sich sofort im Kopf festsetzt.
Besonders sind für mich diese kurzen, immer wiederkehrenden Melodien und Sounds, bei denen man eigentlich gar nicht den ganzen Song hören muss, um sofort zu wissen: Das ist Toxic. Zusammen mit dem schnellen Beat entsteht dadurch etwas leicht Überdrehtes und fast schon Chaotisches, aber genau das funktioniert. Irgendwie fühlt diesen Song einfach jeder.
Beim Piano-Cover bleibt davon erstaunlich wenig übrig, zumindest auf den ersten Blick. Die Version orientiert sich stark am Jazz und lässt unglaublich viel Raum für Improvisation. Teilweise klingt das so anders, dass ich Toxic wahrscheinlich gar nicht sofort erkannt hätte.
Und dann tauchen plötzlich genau diese kleinen musikalischen Momente auf, die das Original so unverwechselbar machen. Für ein paar Sekunden ist sofort klar: Okay, da ist Toxic. Kurz darauf entfernt sich der Pianist wieder von der Vorlage und macht sein eigenes Ding daraus.
Gerade dieses Wechselspiel gefällt mir richtig gut. Wenn nur das Piano bleibt, muss ein Song eben nicht automatisch ruhiger oder melancholischer werden. Manchmal kann daraus auch einfach etwas komplett Neues entstehen. Und damit könnte unser Piano-Experiment eigentlich kaum besser enden.
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